I´m sitting in a House of Echo Chambers
In der Aufnahmetechnik (etwa in den Bell Labs oder den Abbey Road Studios seit den 1930er-Jahren) bezeichnet „Echo Chamber“ einen eigens gebauten Hallraum: Ein Signal wird über einen Lautsprecher in den Raum gespielt, von einem Mikrofon wieder aufgenommen und dem Ausgangssignal beigemischt. Genau diesen Mechanismus nutzt Alvin Lucier in I am sitting in a room (1969). Er verwandelt den Raum damit buchstäblich in eine Echokammer, die iterativ durchlaufen wird. Den Vorgang nutzt er aber nicht einmalig für einen Halleffekt, sondern wiederholt ihn rekursiv, bis das Signal vollständig vom Raumklang aufgezehrt ist.
Im politisch-medialen Sinn bezeichnet „Echokammer“ einen Diskurs, der sich durch Wiederholung unter Gleichgesinnten ohne äußeren Input selbst verstärkt (vgl. Filterblase). Durch fortgesetzte Selbstbezüglichkeit geht der Inhalt verloren und wird durch bloße Resonanz ersetzt, also durch die Verstärkung des immer Gleichen.
Der Titel i’m sitting in a house of echochambers spielt diese Doppelbödigkeit aus: sechs Diskursräume, in denen einzelne Zitate und Positionen jeweils durch ein eigenes klangliches Wiederholungsprinzip transformiert werden. Der Widerhall akustischer Rückkopplung wird so zur Metapher diskursiver Selbstverstärkung. Lucier nutzt den Raum im technischen Sinn einer Studio-Echokammer (Lautsprecher-Mikrofon-Schleife), erzeugt jedoch kein Echo im engeren Sinn. Brachtels Arbeit spielt dagegen bewusst mit der medialen Bedeutung der Echokammer und geht damit semantisch, nicht akustisch, über Luciers Verlust des Sprachinhalts hinaus.
Um dem Dogma der Selbstreferenz etwas entgegenzusetzen, lud Brachtel den Bansuri-Spieler Himansh Pandey ein, mit den angeregten Raummoden in Kommunikation zu treten. Als Mittler zwischen den Dimensionen kommuniziert der Flötist mit den stehenden Wellen des Kellers nicht durch Sprache, sondern durch Atem. Die Bansuri, selbst nur ein hohles Bambusrohr, lebt einzig vom fortwährenden Atem des Spielers. Auch die Raummoden der sechs Kammern sind keine Ereignisse, sondern Dauerzustände: stehende Wellen, die nicht gespielt, sondern lediglich angeregt und gehalten werden.
So begegnen sich zwei Formen desselben Prinzips: der menschliche Atem und die Architektur als Träger von Tönen. Pandeys Spiel sucht die Eigenfrequenzen des Kellers, um sich mit ihnen zu verbinden, bis unklar wird, ob die Flöte den Raum zum Klingen bringt oder der Raum die Flöte. In dieser Unschärfe liegt Brachtels Interesse: Keines der beiden Systeme genügt sich selbst. Der Atem allein wäre nur Luft, der Raum allein nur Stille. Erst in ihrem Aufeinandertreffen entsteht ein Klang, der keinem von beiden für sich zugänglich wäre.
Die Ausstellung ist täglich vom 25. September bis einschliesslich 13. Dezember 2026 geöffnet.
